Die Montagsfrage #98 – Kann ein Autor auch ein guter Rezensent sein?

Hallo meine Lieben und nach langen, langen, langen zwei Wochen der klausurenbedingten Zwangspause willkommen zurück zur allwöchentlichen Montagsfrage! Ich habe alle meine Klausuren gut überlebt und warte jetzt erst einmal auf die Ergebnisse, während wir ab morgen wieder Vorlesungen für die zweite Periode haben (jedes Semester in den Niederlanden wird in jeweils zwei Perioden unterteilt, weshalb das Semester an sich weniger wichtig ist als die jeweils neuen Perioden). Die letzten zwei Wochen waren ziemlich kräftezehrend, weshalb ich hoffe, dass ihr mir heute verzeiht, die Montagsfrage etwas später online zu stellen. Ich war bis einschließlich Freitag nur am rotieren und da seit gestern der NaNoWriMo läuft, hab ich es Abends nicht mehr geschafft, die Frage vorzubereiten.

Die heutige Frage wurde tatsächlich nicht von mir erdacht, sondern von Michael von Phantastikon eingeschickt, worüber ich mich sehr gefreut habe. Solltet ihr also auch einmal eine Frage haben, von der ihr denkt, sie müsste unbedingt mal gestellt werden, dann fühlt euch dazu eingeladen, eine E-Mail vorbeizuschicken. Ich freue mich immer über rege Teilnahme und aktives Interesse an der Aktion. In diesem Sinne also: Vielen lieben Dank, Michael, und nun zu deiner Frage:

Kann ein Autor auch ein guter Rezensent sein?

Der Kern dieser Frage (wie Michael in seiner E-Mail erklärt hat) ist im Prinzip ob man jeweils nur auf einer Seite stehen kann – also Autor oder Rezensent sein – oder ob es tatsächlich möglich ist, sowohl das eine als auch das andere zu tun. Ursprünglich war die Frage bereits vor vor zwei Wochen geplant, aber da ich verschieben musste, ist sie jetzt direkt in den NaNo-Beginn reingefallen, was natürlich ein generell prädestinierter Zeitpunk für alle Fragen rund ums Autorendasein sind. Kann man also Bücher und Rezensionen schreiben? Tja, gute Frage.

Ich persönlich denke, dass man diese Frage mit einem ganz klaren Jein beantworten kann. Ja, man kann sowohl Autor als auch Rezensent sein. Und gleichzeitig nein, unter manchen Umständen kann ich mir das nicht vorstellen. Nicht, weil es irgendein ungeschriebenes Gesetzt des Buchhandels gäbe, dass Rezensionen nach der Erstveröffentlichung Tabu sind (obwohl ich wirklich nicht sehr viel über den deutschen oder überhaupt irgendeinen Buchhandel weiß, also vielleicht existieren diese ungeschriebenen Gesetzte irgendwo und ich habe einfach nur keinen blassen Schimmer), sondern weil ich denke, dass es auf die Art von Rezensent/Autor ankommt, wenn es um die Frage geht, ob beides in der gleichen Person existieren kann.

Ich denke, wir würden sehr davon profitieren, wenn mehr Autoren ‚from the inside out‘ (also mit eigener Erfahrung, was zwischen dem Manuskript und der Veröffentlichung passiert) Rezensionen verfassen würden. Dann wäre der Autor als Rezensent natürlich in gewisser Weise beeinflusst und würde diese Rezensionen aus einer speziellen Autoren-Sicht verfassen – aber gerade das finde ich interessant. Befangenheit in die eine Richtung ist also hier nicht wirklich kein Problem, sondern kann – wenn ihr mich fragt – in der Nebenwirkung einen guten Effekt haben – und zwar den einer vollkommen anderen Perspektive.

Auf der anderen Seite kann ich mir allerdings, so viel Mühe ich mir auch gebe, bei vielen Autoren schlichtweg nicht vorstellen, dass sie neben dem Schreiben von Büchern auch einen aktiven Literatur/Buchblog betreiben. Könnt ihr ein realistisches Bild von Donna Tartt auf WordPress generieren? Ich versuche das schon eine Weile und es passt einfach nicht. Es gibt natürlich auch große, etablierte Autoren, die andere Autoren bewerben und unterstützen (Rick Riordan zum Beispiel), aber so wirkliches Rezensionen-Schreiben? Das scheint irgendwie nicht in das klassische Bild des Verlagsautoren zu passen, der isoliert in seinem Büro oder einem Café um die Ecke die nächsten großen Jahrhundertromane zu Papier bringt. Die Vorstellung, dass einer von ihnen nach dem Kapitel auch den eigenen Buchblog aufrufen und zweitausend Wörter über den neuen Houellebecq1 veröffentlicht – das würde in meinem Kopf irgendwie das klassische Autorenbild zerstören. Ja, vielleicht eine Kolumne in der Süddeutschen, aber in der klassischen Vorstellung des Autors scheint es da manchmal schon aufzuhören. Leben nur für das Buch ist die Devise. Obwohl diese Devise, wenn ihr mich fragt, langsam aber sicher zerbröckelt.

Es gibt vielleicht eine Handvoll Autoren, die heute noch allein vom Schreiben ihrer Bücher leben können. Um das zu wissen, muss man nicht sonderlich tief im Buchhandel drin sein, das ist mehr oder weniger eine allgemein bekannte Tatsache. Viele arbeiten gleichzeitig als Journalisten, Kolumnisten, Übersetzer und Lehrer. Autoren sind bereits außerhalb des Schreibens allein in anderen Bereichen, in denen geschrieben wird dabei. Nicht erst seit dem 21. Jahrhundert, aber durch Social Media seit dem 21. Jahrhundert immer mehr in der Öffentlichkeit. Viele – auch etablierte – (Verlags-)Autoren besitzen jetzt eine rege Social Media Präsenz und suchen den Austausch mit ihren Lesern. Ganz davon abgesehen, dass Self Publishing immer größer wird (und Autoren oft bessere Prozente liefert, was es natürlich sehr attraktiv macht) und gerade die Self Publishing-Autoren meistens auch Blogs betreiben und sehr aktiv auf Social Media sind, um sich ein Netzwerk aus anderen schreibenden Leuten aufzubauen und ihre Bücher zu bewerben.

Es ist also keine direkte Frage von zwei Seiten – Rezensent (ob auf einem Blog oder als Journalist) oder Autor – mehr, sondern eine Frage wie weit die eine Partei in den Bereich der anderen verstrickt ist. Ich glaube, dass gerade die jungen Autoren, die jetzt beginnen Bücher auf den Markt zu bringen, Social Media affiner und offener gegenüber der Idee Self Publishing sind und dass damit in gewisser Weise auch kommt, mehr mit anderen und über andere Autoren zu sprechen und zu schreiben. Ich glaube deshalb nicht, dass eine Erstveröffentlichung das Aus für Rezensionen sein muss, gerade wenn Rezensionen sind, wo man angefangen hat (es gibt ja durchaus einige Autoren, die Buchblogger waren bevor sie Autoren geworden sind).

Auf der anderen Seite verstehe ich allerdings durchaus den Gedanken, dass man, sobald man auf der ‚anderen‘ Seite (d.h. im Autorendasein) ist, vielleicht den Fokus mehr von Blogs (und damit Rezensionen) auf die eigenen Bücher verlegt. Einfach, weil die eigenen Bücher viel Arbeit machen und deshalb auch viel Zeit in Anspruch nehmen.

Ich denke, wir befinden uns im Bereich der Kommunikation miteinander in einem großen Umbruch (nicht nur im Bereich von Autoren und Bloggern, sondern allgemein, aber das ist die Geschichte eines anderen Tages), aber selbst die größten Umbrüche (hier kommt jetzt mal mein Geschichtsstudium zum Einsatz) passieren nicht über Nacht. Die Welt wird viel weniger in schwarz/weiß-Manier auf den Kopf gestellt als historische Ereignisse manchmal vermuten lassen. Weshalb Social Media und Self Publishing und Blogs die Welt verändern, aber immer noch mehr als genug Platz für die ‚alte‘ Ordnung (Bücher veröffentlichen, keine Rezensionen) bleibt und letztendlich vieles wohl eine graue Mischform zwischen den Extremen (nur Autor vs. nur Rezensent) ist.

Ich danke Michael noch einmal für seine tolle Frage! Ich hatte sehr viel Spaß dabei sie zu beantworten und ich hoffe, sie bereitet euch mindestens genauso viel Freude wie mir. Ich freue mich auf eure Beiträge und Meinungen zu diesem Thema (ich denke, man kann hier wirklich viel diskutieren, was es recht interessant macht) und ich bin gespannt, wie ihr sie beantwortet.

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Noch nicht genug von der Montagsfrage? Hier geht es zur Montagsfrage der letzten Woche und hier zur Liste aller auf diesem Blog erschienenen Montagsfragen.

  1. Das Phantastikon
  2. Der Büchernarr
  3. Aequitas et Veritas
  4. Wordworld
  5. nellindreams
  6. wortmagieblog
  7. Torsten’s Bücherecke
  8. schriftweise
  9. Andreas Kück Leselust
  10. Vanessas Literaturblog
  11. Bücher wie Sterne
  12. Wortlicht

1 Weil ich bei aller Liebe nicht den Namen Houellebecq aus dem Kopf schreiben kann (so weit reichen meine Kompetenzen leider nicht, Entschuldigung Michel Houellebecq), musste ich eben seinen Roman Serotonin bei Amazon googeln und habe dabei irgendwelche online-bestellbaren Serotonin-Präparate bei Amazon gefunden. Bitte kauft so einen Mist nicht. Ich weiß, ich muss euch das nicht sagen. Ich hoffe, ich muss das niemandem sagen. Aber noch mal für die Leute in der letzten Reihe: Serotonin und Dopamin sind keine ‚Stimmungsaufheller,‘ so funktioniert Neurobiologie nicht. Solche Präparate sind Schwachsinn und Geldmacherei und sie machen mich high-key ziemlich wütend, jetzt da ich von ihrer Existenz weiß. Und lasst es euch aus persönlicher Erfahrung sagen, dass Medikamente (tatsächliche Medikamente), die wirklich etwas an der Serotonin-Konzentration in eurem Gehirn drehen – also zum Beispiel SSRI-Antidepressiva (SSRI = Selective serotonin reuptake inhibitor, das sind also Medikamente, die dafür sorgen, dass Serotonin von der postsynaptischen Membran nicht so schnell wieder aufgenommen wird, das heißt länger in eurem synaptischen Spalt bleibt und dadurch länger wirkt) – überhaupt nichts mit ‚gute Laune Pillen‘ zu tun haben. Kein Antidepressivum beschert gesunden oder depressiven Menschen gute Laune. Antidepressiva sorgen dafür, dass Depressionen weniger extrem und depressive Episoden weniger wahrscheinlich sind. Oder dass Patienten, die sie nehmen, weniger unter Angststörungen, Panikattacken oder Bulimie leiden. Je nach Patient und je nach klinischer Diagnose können diese Medikamente nämlich sehr unterschiedlich anschlagen. Und manchmal schlagen sie auch gar nicht an und man hat nur die extremen Nebenwirkungen, von denen man selbst im positivsten Falle definitiv irgendwelche haben wird, weil Antidepressiva recht harte Medikamente sind, bei denen ich mir nicht vorstellen kann, dass sie jemand nimmt, der nicht wirklich muss. Und noch eine Sache: Dopamin, das angeblich auch in diesen Präparaten zusammen mit Serotonin drin sein soll (bitte stellt euch an dieser Stelle vor wie ich jetzt sehr genervt die Augen verdrehe), ist ebenfalls kein ‚gute Laune‘-Ding. Wisst ihr, wer eine zu hohe Dopamin-Produktion hat? Leute mit Schizophrenie und Tourette-Syndrom. Es geht nicht darum, dass mehr immer besser ist (das gilt auch für Serotonin und im Prinzip so gut wie alles in der Biologie und im Leben), sondern dass man die richtige Menge besitzt und dass es an der richtigen Stelle wirkt. In diesem Sinne also, entschuldigt für diesen extrem langen Text, der jetzt die Antwort auf die Montagsfrage verschiebt, aber ich hasse diese pseudo-wissenschaftlichen Bullshit-Maschinen, die versuchen Geld mit unglücklichen Menschen zu machen und ich musste das jetzt mal loswerden.