Ende gut, alles gut?

Ich gebe zu, mir sind schon bessere Titel eingefallen. Titel sind, wenn ich ganz ehrlich sein soll, so ein wunder Punkt meiner Kurzgeschichten, Kapitel- und Bucheskapaden. Ein Graus, jedes Mal, wenn ich einen Artikel schreibe – oder einen Blogpost. Ich bin kein guter Titel-Finder, jetzt ist es raus. Es ist sozusagen die Achillesferse meines Veröffentlichungs-Repertoires. Aber, wie das so ist, bei den meisten Dingen im Leben, ich bin in den letzten Jahren schon ein bisschen besser geworden. Aber, aber, aber, alles nicht so wichtig, denn in diesem Blogpost geht es heute tatsächlich nicht um den Anfang von etwas – sondern um das Ende.

Wer sich die letzten Wochen über die Frage gestellt haben sollte: „Hey, was ist eigentlich aus Antonia von Lauter&Leise geworden?“, für den erst einmal eine kurze Antwort zu Beginn dieses Beitrages. (Wer sich diese Frage nicht gestellt haben sollte, darf auch gern ganz schnell weiter-scrollen. Ich nehm es auch nicht persönlich. Aber es wäre schon etwas komisch nach viermonatiger Abwesenheit einfach wieder aufzutauchen als wäre ich nie weggewesen.)

Im Prinzip ist die letzten paar Monate über alles und gleichzeitig nichts passiert. Ich befinde mich in der komischen Phase, in der die Mitte einer ganzen Menge Projekte erreicht ist – also nichts so wirklich einen Anfang und nichts so wirklich ein Ende hat. Die Arbeits-Phase meines wissenschaftlichen Projekts, bei dem recherchiert wird, aber ich noch keine konkreten Resultate vorzeigen kann so wie (hoffentlich) in einem Jahr. Die Mitte meines Bachelors – offiziell mit den bestandenen Klausuren des letzten Semesters. Mehr Gesundheit als Krankheit, der ganz normale Arbeitsalltag, Zeit mit den selben guten Freunden, alles, wie es eben vorwärts zieht, ohne einen so wirklich mit den großen Gefühlswogen zu überschwemmen, die mit den Neuanfängen im Leben einher gehen. Es ist ganz gut so, ich habe mit den momentanen Projekten genug auf dem Teller. (Ich bin mir ziemlich sicher, dass man diesen Satz nicht einfach so aus dem Englischen übersetzen kann, aber lassen wir das jetzt Mal außen vor, ihr wisst schon, was ich meine.)

Zum Ende des letzten Monats dachte ich tatsächlich, dass es nicht wirklich viel zu berichten gäben würde. Nichts, in jedem Fall, was eine kurze Notiz – geschweige denn einen ganzen Blogbeitrag – rechtfertigen könnte. Doch nun, drei Tage in den April, werde ich mir langsam aber sicher bewusst, dass ich (wie mit einer ganze Menge Dinge im Leben) damit nun wirklich nicht mehr ab vom Schuss hätte sein können. Nein, nicht alles in meinem Leben ist gerade in der Mitte, wie sich dieses Wochenende über herauskristallisiert hat. Die erste Version meines Manuskripts geht in die letzten Runden. Die letzten Kapitel, die letzten nervösen Stunden, in denen ich versuche nicht schon vor der Überarbeitung vollkommen den Kopf zu verlieren.

Der Endspurt des Erstlingswerkes ist also da – wessen ich mir manchmal mehr und manchmal wirklich weniger bewusst bin. Ganz besonders bewusst war ich mir allerdings letzten Freitag, nach der ersten Schreibrunde des dies-monatlichen CampNaNoWriMo (einer National Novel Writing Month Aktion, bei der sich jeder Autor ein eigenes Wort-Ziel setzen kann und dann den Monat über daran arbeitet. Mehr Informationen findet ihr auf der Seite der Aktion). Ich habe, wenn ich das mal so vorsichtig sagen darf, kein unrealistisches Schreibziel für diesen Monat. Und selbst wenn ich außen vorlasse, was zwischen mich und 30,000 Worte in diesem April noch kommen könnte (wie ich mein Leben kenne, ist es eine ganze Menge), selbst dann, bin ich mir nicht einmal vollkommen sicher, ob ich die vollen 30,000 Worte tatsächlich brauche, um das Buch fertig zu schreiben. Und dann? Die Überarbeitung beginnen, Plotholes flicken, Szenen umschreiben, die seit geraumer Zeit schon nicht mehr aktuell sind, alles komplett, alles fertig machen, nicht den Kopf verlieren. Bloß nicht den Kopf verlieren.

Die letzten Kapitel dieses Mammutprojekts sind zum Greifen nah – und es fühlt sich an als würde mir gleichzeitig ein riesiger Brocken langsam vom Brustkorb bröseln, während der nächste schon den Berg herunterrollt. Es ist ein komisches Gefühl, so lang an einem einzelnen Buch gearbeitet zu haben (seit Herbst 2019, um ganz genau zu sein, was sich jetzt schon peinlich lang anfühlt – ganz davon abgesehen, dass mir die grobe Idee der Geschichte schon mein halbes Leben im Kopf herumflattert). Und es ist ein noch viel komischeres Gefühl, den ersten Schritt dieses Projekts loszulassen. 

Beim Spazierengehen mit meinem Freund habe ich heute erst wieder gesagt: “Ist schon komisch zu denken, was ohne diese Pandemie gewesen wäre. Ich denke, das Buch wäre schon fertig. Wahrscheinlich schon letztes Jahr, wenn du mich fragst.” Woraufhin mein Freund mir zugestimmt hat, bevor er sagte, und ich denke das ist ein ganz guter Punkt: “Ja, aber es wäre wahrscheinlich nicht so gut geworden.” Die Wahrheit ist, dass natürlich weder ich noch mein Freund (oder irgendjemand sonst) wissen können, was gewesen wäre, wenn X und Y nicht passiert wären, wenn der Mond in einem anderen Winkel gestanden hätte und das Universum sich in eine andere Richtung gedreht hätte. Im Prinzip ist es auch vollkommen egal. Das Projekt hat wesentlich länger gedauert als ich wollte – und geplant habe. Und wahrscheinlich haben diese letzten Jahre, in denen ich persönlich sehr gewachsen bin, dieses Projekt auch sehr beeinflusst. Wahrscheinlich zum Positiven. Die Wahrheit ist allerdings auch, dass es ein recht anstrengender mentaler Zustand ist, so lang an einem Projekt gebastelt zu haben (und voraussichtlich noch weiter daran zu basteln). Es ist Zeit, dass ich es loslasse und die Arbeit sich ändert. Es ist aber auch etwas angsteinflößend, loszulassen und sich in die nächste Phase der Arbeit zu stürzen. Erste Versionen zu schreiben ist, was ich kenne. Erste Versionen zu schreiben ist, was ich kann. Und danach? Offenes Feld. 

Ich würde lügen, würde ich sagen, ich wäre momentan nicht vollends dazu bereit, die Hände in die Luft zu werfen, mit Kampfgebrüll auf dieses offene Feld zu rennen und dabei vielleicht sogar an einem potenziellen Flick-Flack zu scheitern (bleiben wir hier mal realistisch, selbst bei den Metaphern). Ich bin bereit. Ich war noch nie so bereit. (Abgesehen vielleicht von Anfang 2020 als ich endlich eine feste Schreibroutine hatte und pro Tag mit 4,000 Wörtern vorwärtsgekommen bin, bevor eine Pandemie mein Leben komplett aus den Fugen geworfen hat.) Aber desto näher ich dem Überarbeitungs-Prozess komme, desto näher komme ich einem fertigen Manuskript – und desto näher komme ich Testlesern und Literaturagenten und Verlagshäusern. Desto näher komme ich, realistisch betrachtet, Ablehnungen über Ablehnungen, wahrscheinlich monatelangem – vielleicht jahrelangem – Suchen und Nicht-Finden und Aufstehen und Nicht-Aufgeben und Weitermachen und Nicht-den-Kopf-verlieren. Bloß nicht den Kopf verlieren.

Ich verliere den Kopf im Prinzip schon, bevor mir dazu jemand so richtig die Gelegenheit geben könnte. Und das obwohl (und vielleicht gerade weil) ich wirklich an dieses Buchprojekt glaube. Ich glaube daran, dass es ein guter, unterhaltsamer Auftakt zu einer Fantasy-Reihe ist. Ich glaube, dass es vielen Leuten wirklich Freude bereiten könnte, dass es schockieren kann und zum Lachen bringen. Ich glaube, ganz einfach, dass es ein Buch sein kann, das man abends nicht aus der Hand legen und bei dem man morgens nicht warten kann, bis man es wieder aufschlägt. Vielleicht muss jeder Autor zu einem gewissen Grad an sein Buchprojekt auf diese Art und Weise glauben – wer soll es sonst tun, wenn man mit ihm für eine Ewigkeit durch die Wüsten des Veröffentlichungsprozesses wandelt? Doch gerade weil ich wirklich daran glaube, dass es ein gutes Buch werden kann und weil es mir so viel bedeutet, öffne ich mein Herz für eine bittere Enttäuschung. In gewisser Weise gehört das wahrscheinlich auch für jeden Autor mit dazu. Es gibt wirklich leichtere Berufe. (Schwerere auch, jaja, ich weiß, aber das ist ja hier für den Moment nicht der Punkt.)

Man kann also nicht gewinnen, wenn man sich nicht für die Möglichkeiten öffnet – und man wird wahrscheinlich immer verletzt werden, wenn man es tut. Das ist wohl in jedem kreativen Arbeitsbereich und auch mit allen anderen Zielen im Leben, die es wirklich wert sind, ihnen nachzujagen, so. Und hier sitze ich nun, irgendwie am Ende einer Ära, irgendwie zum Beginn eines Abenteuers, aufgeregt und nervös, verloren und vielleicht auch kurz davor, etwas Besonderes zu finden. Für den Moment steht allerdings fest, dass ich guten Gewissens ins Universum herausfinden kann: Ich bin fast fertig. Ich bin, realistisch betrachtet, wirklich fast fertig. Es wird eine erste Version und irgendwann wird es fertig. Und ich denke, vollkommen subjektiv und bereit sich von allen Testlesern massenhaft Kritik einflößen zu lassen und dieses Buch in die beste Version zu überarbeiten, in die ich es überarbeiten kann, dass es tatsächlich gut werden könnte.