Das Halbierungs-Problem

Ich bin mir manchmal nicht ganz sicher, ob ich zu hart oder du seicht mit mir selbst ins Gericht gehe. Es gibt wahrscheinlich keine wirklich klare Antwort auf diese Frage. Bin ich zu lasch mit mir selbst? Oder zu gemein? Könnte ich immer ein bisschen besser sein als ich bin? Ein bisschen mehr machen? Härter arbeiten? Präsenter sein? Besser sein? Ist das Beste zu geben genug? Und wie zur Hölle weiß ich eigentlich, ob ich wirklich mein Bestes gegeben habe?

Das letzte Mal als ich mich gemeldet habe war vor einem Monat, zu Beginn eines 30,000 Wörter-Ziels und zum Ende meines Buches. Etwas über 20,000 Wörter habe ich geschafft, bevor mich nach über zwei Jahren Pandemie nun auch Covid erwischt hat und ich für einige Tage ausgefallen bin. Dann Zahnschmerzen. Wurzelbehandlung. Zwei verpasste Wochen Uni und Arbeit. Projekte nicht so weit wie sie sein sollten. Buch nicht fertig. Und ich bin erschöpft. Ich würde gern sagen, ich war erschöpft, aber es geht schon wieder, doch die Wahrheit ist, dass ich immer noch ziemlich fertig bin und gern einfach solide zwei Wochen schlafen würde. Aber dann würde ich ja schon wieder zwei Wochen Arbeit und Uni und Projekte und Buch verpassen. Und dann müsste ich vier Wochen schlafen um diesem Stress zu entkommen, dem man ja durch Schlafen überhaupt nicht entkommen kann.

Ich würde lügen, würde ich sagen, ich hätte die letzten paar Wochen nicht ein bisschen zu intensiv darüber nachgedacht, einen Koffer zu packen und auf eine abgelegene griechische Insel ohne WLAN zu ziehen. Ich ziehe natürlich nicht auf eine abgelegene griechische Insel ohne WLAN. Jedenfalls nicht dieses Jahr. Ich bleibe wo ich bin, beende die Projekte, die sich in meinem Leben angesammelt haben und die ich ja eigentlich auch mag, wenn ich nicht gerade frustriert bin. Und es geht weiter. Es geht immer irgendwie weiter. Bis mein Studium und meine wissenschaftliche Arbeit und dieses Buch irgendwann abgeschlossen sind. Auch wenn es sich manchmal nicht wirklich danach anfühlt.

Manche meiner Projekte fühlen sich an als würde ich immer die Hälfte bis zum Ende schaffen. Und dann wieder die Hälfte von dieser Hälfte. Und die Hälfte von der nächsten. Ich halbiere immer, was noch auf dem Stapel liegt, aber eine Hälfte – wie klein auch immer sie sein mag – bleibt übrig. Ich halbiere, aber ich komme nie an. Im Prinzip ist es ein mathematisches Problem, aber an diesem Punkt fühlt es sich schon ein bisschen persönlich an. Vielleicht bin ich der einzige Mensch, der sich so fühlt – aber ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass es kein einziges Gefühl gibt, das sich nicht wenigstens von einer anderen Person nachvollziehen lässt. Niemand ist wirklich einhundertprozentig individuell – oder, um es ein bisschen positiver auszudrücken, wirklich allein mit all diesem Mist.

Aber ob ich nun wirklich allein damit bin oder nicht, hier sitze ich nun mit meiner Hälfte. Oder etwas, das sich noch wie eine Hälfte anfühlt. Ich bin vorwärts gekommen, das ist gar keine Frage. Manch einer würde vielleicht auch sagen, 20,000 Wörter schreiben – und nebenbei noch die letzte Klausur der Klausurenphase und arbeiten und zur Uni gehen und nicht die Nerven verlieren (na ja, jedenfalls bis Ende April) – ist doch gar nicht schlecht. Es ist auch gar nicht schlecht. Aber es ist eben nur die Hälfte und nicht das Ganze.

Es bringt im Prinzip nichts darüber zu meckern. Ich weiß, dass es nichts bringt, über Gott und die Welt zu meckern. Aber jetzt habe ich über die letzten zwei Wochen so viel Mecker-Potenzial in meiner dunklen Seele behalten und meine Magenschleimhaut fühlt sich schon wieder auffällig gereizt an, weshalb es jetzt mal raus muss. Ich hätte fertig sein können. Bist du aber nicht. Also bin ich jetzt fertig. Fertig-fertig. Nicht Buch-fertig, versteht sich.

Man kann auf keine griechischen Inseln abhauen, immer wenn man fertig ist. Oder in ein kleines Koma verfallen. So verlockend es auch scheint. Das Leben funktioniert nicht, wenn man es aufgibt, jedes Mal, wenn sich die Dinge anfühlen als würden sie sich nur halbieren aber nie ganz fertig werden. Man muss aufstehen und wieder aufstehen und wieder aufstehen und sich irgendwann wundern, wieso man Muskelkater hat, obwohl man nur für eine Woche mit Corona im Bett gelegen hat und vielleicht mal zwischen Toilette und Kühlschrank und wieder Bett gependelt ist. Ich möchte gern glauben, es ist vom Immer-Wieder-Aufstehen. Wahrscheinlich ist es nicht wirklich davon gewesen, aber es funktioniert als Metapher einfach aufgezeichnet.

In jedem Fall möchte ich manchmal gern in mein Kissen brüllen und hoffe zwischendurch von Herzen, dass die ersten Male wirklich die schwersten sind. Als ich als Kind das erste Mal vom drei-Meter-Turm gesprungen bin, war es auch einfacher danach. Einfach weil man wusste, dass man es schon einmal gemacht hatte. Der drei-Meter-Turm war überlebt. Es gab keine großen Unbekannten mehr – es spielte keine Rolle, dass es immer noch weit nach unten ging. Sobald die Füße das erste Mal die Wasseroberfläche durchbrochen hatten, konnte man sich sicher sein, dass es wieder funktionieren würde. Und wieder. Und wieder. Und wieder.

Vielleicht ist Buch-Schreiben ja ein bisschen so. Man muss nur das erste Mal die letzten Worte des letzten Kapitels getippt haben. Die letzten Notizen der Testleser durchdacht und dann das letzte Manuskript gesendet haben und sich von einer letzten Absage das Herz ein bisschen zerreißen lassen und nach einem letzten Meeting und einem letzten Tag vor einem ersten veröffentlichten eigenen Buch nicht die Nerven verloren haben. Und ja, natürlich alles dazwischen. Es ist einfacher von drei-Meter-Türmen zu springen als Bücher zu schreiben. Würde ich sagen. Tendenziell. Für die meisten Menschen. Beim drei-Meter-Turm ist die Richtung relativ eindeutig, beim Schreiben geht es diesbezüglich manchmal ein bisschen drunter und drüber.

Ich schreibe Geschichten mehr oder weniger seit ich einen Stift halten und ganze Sätze krakeln kann. Irgendwann habe ich es angefangen und nichts hat sich seither so angefühlt. Die Kommata sitzen nicht immer richtig, ich bin mir nicht immer sicher, ob es gut ist, aber bei keiner Aktivität habe ich mich je so sehr wie ich selbst gefühlt als beim Füllen von Notizblöcken und Word Dokumenten mit Geschichten. Keine einzige von ihnen hat je wirklich gemacht, was ich wollte. Das ist der halbe Spaß am Schreiben. Aber im Moment würde ich mir wirklich wünschen, diese Geschichte würde auf ein Ende zulaufen. Es ist Zeit. Ich bin bereit. Ich habe gewartet. Gearbeitet. Mit mir gerungen. Stunden wach gelegen und Kapitel durchdacht. Ich bin jeder erdenklichen Person in meinem Leben damit auf den Kranz gegangen und diese Geschichte muss ein Ende finden, damit mir in irgendeiner fernen Zukunft ein paar Teenager in einem YouTube-Video-Essay sagen können, wo ich ein Plothole übersehen habe. (Ich meine, es wäre der absolute Traum, wenn jemals jemand ein Video-Essay über dieses Buch machen würde. Ich bin sowieso schon wahnsinnig nah ans Wasser gebaut, ich glaube ich würde einfach das komplette Video hindurch weinen – aber auf eine freudige Art und Weise.)

Der eigentliche Punkt ist: Ich würde diese Geschichte wirklich gern endlich in die Welt entlassen. Auch wenn es mir Angst macht. Es ist, wo sie hingehört. Aber ich kann sie nicht in die Welt entlassen ohne die erste Rohfassung zu schreiben und die dann umzuschreiben und zu überarbeiten und wieder zu überarbeiten und wieder zu überarbeiten, bis die Worte da sitzen, wo sie hingehören. Nicht mehr und nicht weniger. Also muss ich wieder aufstehen und außer Acht lassen, dass es sich anfühlt als hätte ich die finalen Kapitel bis zum Ende wieder nur halbiert. Und wenn dem so wäre, trotzdem nicht den Kopf zu verlieren. Bloß nicht den Kopf verlieren. Vielleicht ein bisschen den Kopf verlieren. Aber alles in allem endlich springen – wirklich springen – und beim Auftauchen denken, dass es gar nicht so schlimm war, wie man dachte. (Oder dass es viel schlimmer war als man dachte und man irgendwie trotzdem wieder aufgetaucht ist.) (Ich bin wirklich ein nervöses Wrack.)